Wie KI einem Holzschnitt aus dem 17. Jahrhundert eine Stimme gibt.
Ein Mensch, ein Holzschnitt, eine Idee
Heinrich Schickhardt (1558–1635) war ein europäischer Pionier. Er prägte seine Zeit als Baumeister, Erfinder und Stadtplaner in Deutschland und Frankreich. Doch bislang war er auf der Website des deutsch-französischen Vereins „Europäische Kulturstraße Heinrich Schickhardt“ nur als stummer Holzschnitt präsent. Wie lässt sich ein Mensch, der seit fast 400 Jahren tot ist, für eine internationale Öffentlichkeit erlebbar machen? Die Antwort: Mit einer Kombination aus historischer Recherche, kreativem Mut und moderner Technologie und der Möglichkeit, das Projekt in mehreren Sprachen umzusetzen.
Der Relaunch: Mehr als nur ein neues Design
Die Website des Vereins war veraltet, Schickhardt selbst kaum präsent. Die mit KI generierten Videos mit den authentischen Aussagen Schickhardts sind das Herzstück des Relaunches und ein Statement: Geschichte wird nicht durch trockene Fakten, sondern durch Emotionen greifbar. Die Nutzung von KI dient der Vermittlung, nicht der Verfälschung. Die Videos laden Besucher ein, sich näher mit Schickhardt und seinem Werk zu befassen.
Vom Holzschnitt zum fotorealistischen Interview
Das Ausgangsmaterial: Ein Holzschnitt.
Der Verein nutzte für seine Außendarstellung und Veröffentlichungen eine vermutliche Abbildung Schickhardts: einen historischen Holzschnitt. Mit KI-gestützter Bildgenerierung wurde daraus ein fotorealistisches Porträt generiert, nicht als Fantasiebild, sondern als mögliche Annäherung an den echten Menschen.
Warum dieser Ansatz?
Der Verein möchte die Distanz überwinden und über das Bild hinausgehen, das uns von Heinrich Schickhardt überliefert ist. Der Mensch hinter den Legenden, Plänen und Bauten rückt in den Mittelpunkt, nämlich ein neugieriger, offener und innovativer Geist, der Grenzen überwunden hat.
Fragen, die Antworten finden
Schickhardt hinterließ zahlreiche Texte über seine Arbeit. Auf Basis dieser Texte wurde ein Interview konzipiert. Es entstanden Fragen, die zu seinen eigenen Worten passten, so, als würde er heute selbst antworten. Beispiel:
Frage: „Herr Schickhardt, man sagt, Sie hätten unter Herzog Friedrich I. mit der Planung von Freudenstadt ihr Meisterwerk geschaffen. Wie war die Arbeit unter diesem Herrscher?“
Antwort: (Originalzitat, adaptiert) „Bei diesem Herrn hatte ich viel große Mühe und große Arbeit; ich habe schwierige und gefährliche Reisen gemacht, die mich über die Hälfte der Zeit in diesen fünfzehn Jahren von zu Hause fern hielten.“
Eine digital generierte Stimme verleiht der Fragestellerin eine authentische Präsenz. Das Porträt spricht mit Mimik und Gesten, die den Eindruck eines echten Gesprächs vermitteln. Die Dauer von drei Minuten ist kurz genug für Social Media und lang genug für Tiefe.
Heinrich Schickhardt erklärt – Pläne, Bauten und Prachthansen
Alle Antworten basieren auf Schickhardts eigenen Schriften. Die Videos mit den Aussagen sind modular erstellt und können somit individuell verwendet werden.
Text zum Lesen
Bei diesem Herrn hatte ich viel große Mühe und große Arbeit; ich habe schwierige und gefährliche Reisen gemacht, die mich über die Hälfte der Zeit in diesen fünfzehn Jahren von zu Hause fern hielten.
Das ist aber nicht so zu verstehen, als ob ich bei allen solchen Gebäuden dabei gewesen wäre, bis sie fertig waren.
So habe ich diese auch nicht ständig allein in Arbeit gehabt, besonders bei fremden Fürsten, Grafen, Herren vom Adel oder Städten; die haben ihre eigenen Bau- und Werkmeister gehabt, die an der Beratschlagung teilnahmen. Es sind mir auch im Lande Württemberg, wenn die Sache wichtig gewesen ist, etwa die Werkmeister, nämlich Kilian Kesinbrot und Caspar Kretzmaier, beigegeben worden. Manchmal habe ich sie selbst angefordert, weil sie nicht nur in der Architektur hoch und gut erfahren, sondern zu jeder Zeit in ihrem Beruf fleißig, zuverlässig und redlich gewesen sind, so dass ich mich gefreut habe, wenn ich mit ihnen etwas verrichten sollte.
Wo ich auch vornehme Gebäude gehabt habe, habe ich an Ort und Stelle nach guten Handwerksleuten gefragt, sie gerne angehört und habe manchmal besseren Rat bei einfachen Leuten als etwa bei großen Prachthansen gefunden.
Wenn ich einen Abriss und einen Überschlag zu einem Bau gemacht, mich mit dem Bauherren oder dem zuständigen Amtmann und mit den Handwerkern geeinigt hatte, bin ich wieder fortgezogen. Ist aber die Sache wichtig gewesen, bin ich dorthin geritten.
Unter meinen Sachen werden beinahe zu allen Gebäuden, derer hier gedacht wird, Abrisse, Überschläge und schriftliche Bedenken zu finden sein.
Heinrich Schickhardt erklärt – Die Planung und Gründung von Freudenstadt (1599)
Mit eigenen Worten beschreibt Heinrich Schickhardt, wie die Vorgaben von Herzog Friedrich I. seine Planungen beeinflussten.
Text zum Lesen
Da habe ich, als dort noch Wald gewesen ist, den ersten Augenschein genommen, den Boden an vielen verschiedenen Stellen ziemlich tief untersuchen lassen, aber wenig Gutes gefunden, weswegen ich untertänig dafür plädiert habe, dass es nicht ratsam sei, eine Stadt da hin zu bauen.
Weil es aber dem durchlauchtigen, hochgeborenen Fürsten und Herrn Friedrich Herzog zu Württemberg gnädig beliebt hat, habe ich einen Plan für eine große Stadt und ein Schloss gemacht, wobei ich eine solche Ordnung vorgenommen habe, dass bei jedem Haus ein Hof oder Gärtlein und das Schloss an einer Ecke der Stadt sein sollte.
Es haben aber Ihre Fürstlichen Gnaden gewollt, dass hinter und vor jedem Haus eine Gasse sein und das Schloss mitten auf dem Markt stehen soll. Also habe ich einen anderen Entwurf nach Ihrer Fürstlichen Gnaden Befehl gemacht, dass die Stadt viereckig und jede Seite in der Länge 1418 Schuh, jede Seite des Markts 780 Schuh messen und das Schloss mitten auf den Markt kommen soll.
Nach jenem Entwurf ist auch diese Stadt erbaut worden, das Schloss aber ist noch nicht angefangen. Also habe ich, Heinrich Schickhardt, im Beisein Ihrer Fürstlichen Gnaden, in Gottes Namen am 22. März 1599 einen Teil der Stadt mit etlichen Häusern und Gassen abgesteckt.
Es ist auch in wenigen Jahren viel daran verbaut worden, für über einhunderttausend Gulden und alleine aus dem Säckel Ihrer Fürstlichen Gnaden, ohne die Bürgerhäuser. Am 8. Januar 1612 waren es 287.
Am 24. Mai 1632 ist in Freudenstadt eine schreckliche Feuersbrunst aufgegangen, darin sind 3 Personen gestorben und 144 Hofstätten abgebrannt. Und das Feuer begann in der Herberge zum güldenen Barben, welche das erste Haus war, das in dieser Stadt gebaut wurde.
Es ist ein Kostenvoranschlag gemacht worden, dass man zur Neuerbauung der abgebrannten Häuser mitsamt 8 Scheunen an Eichen- und Tannenbauholz 18.577 Stämme, 44.125 Bretter und 44.350 Latten bräuchte. Das Bauholz wollten Ihre Fürstlichen Gnaden ihnen ganz aus Gnaden ohne Bezahlung geben. Es ist auch eine Brandsteuer für sie gesammelt worden.
Heinrich Schickhardt erklärt – Die Brücke von Köngen (1599)
Schickhardt war nicht nur mit Planung und Bau von Städten und Gebäuden aktiv, sondern auch mit der Erstellung von Brücken.
Text zum Lesen
1599 ist ein Teil der alten über den Neckar gebauten steinernen Brücke bei Köngen eingefallen, da ist mir alsbald befohlen worden, einen Augenschein zu nehmen, wohin auch Herzog Friedrich selber gekommen ist. Nach genommenem Augenschein und geschehener Beratung habe ich einen Plan und im Beisein Hans Brauns den Voranschlag für eine ganz neue Brücke über den Neckar gemacht, die auch gleich danach von Grund auf neu erbaut worden ist, und der Voranschlag hat sich auf 4.460 fl. (Gulden) erstreckt.
Geschichte neu denken
KI kann Brücken bauen: Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Verein und Öffentlichkeit. Heinrich Schickhardt, der einst Städte entwarf, hat nun ein neues „Haus“ in der digitalen Welt.
Zur Website „Europäische Kulturstraße Heinrich Schickhardt„
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